Bewohner*innen kämpfen gegen die Verdrängung aus der Stadt und die Schließung des Camps Eleonas

**english below**

Am Dienstag dem 21. Juni 2022 ist der erste Tag, an dem ca.100 Bewohner*innen des Camps gegen die angekündigte Schließung protestieren. Entschlossen und laut blockieren sie den Eingang . “Wir machen das nicht aus Spaß, wir lachen, weil es unsere Strategie ist zu überleben aber ist hart hier zu leben.”, sagt Niclette, sie ist eine der Bewohner*innen. Sie möchten Eleonas nicht verlassen, weil es das letzte Camp ist, welches in der Stadt ist und noch nicht den Sicherheitsvorkehrungen eines Gefängnisses gleicht. Hier können sie zur Arbeit gehen, ihre Kinder in die Schule schicken, haben besseren Anschluss an das Gesundheitssystem und können am sozialen Leben in der Stadt teilnehmen. In Eleonas konnten Menschen bis vor kurzem auch ohne offizielle Registrierung leben, das ist in anderen Camps anders, weshalb die Schließung für einige Menschen auch unmittelbar Wohnungslosigkeit bedeuten würde.

Natürlich, so die Bewohner*innen, ist das Leben auch in diesem Camp mit unzähligen Schwierigkeiten verbunden. Die Zustände sind weit entfernt von aktzeptabel. Nur eine Woche vor dem Start der Proteste waren zum Beispiel 6 Wohncontainer abgebrannt, mit den Habseligkeiten von ca. 50 Menschen, dafür mitursächlich waren fehlender Brandschutz und bauliche Mängel und trotzdem ist es im Vergleich zu den Umständen in den Camps außerhalb der Stadt das geringere Übel für die Meisten dort.
Niclette wird später auch alle Menschen im Camp und außerhalb dazu auffordern am nächsten Tag um 6 Uhr gemeinsam den Bus zu stoppen, der die Menschen aus Eleonas in andere Camps verteilen soll.
Der Grund für die Schließung ist der geplante Bau eines neuen Fußballstadion für den Athener Verein Panathinaikos. Dieser Bau ist Teil eines Gentrifizierungsplans, der weit über den Bau des neues Stadions hinausgeht. Die ganze Gengend soll aufgewertet werden, es sollen unter anderem Shoppingmalls entstehen, auch um den Ort attraktiver für Tourist*innen zu machen. Solche Gentrifizierungsprozesse gehen oft mit der Verdrängung von migrantischen Communities, und deren Orten einher, die nicht in das Stadtbild einer kommerzialisierten, weißen und wohlhabenden Gegend passen. So ist es auch hier in Eleaonas. Nur wenige hundert Meter von dem Camp entfernt gibt es jeden Sonntag einen großen (Floh)markt, auf dem hunderte migrantische Menschen, vor allem aus der Roma-Community arbeiten. Auch dieser Markt ist bedroht von der geplanten Umgestaltung des Viertels.
Der erste geplante Bustransfer der Bewohner*innen in umliegende Camps außerhalb von Athen konnte erfolgreich verhindert werden. Sowie der weitere Versuch der Räumung geht auch der Protest weiter. Mitarbeiter*innen des Campmanagments und des Ministeriums versuchen immer wieder einzelne Familien zu überreden und sie gezielt einzuschüchtern, indem sie drohen den Menschen die finanziellen Leistungen zu entziehen, wenn sie nicht mitgehen.

Die Bewohner*innen haben ihre Forderungen klar formuliert:
– Stoppt alle Versuche, das Lager Eleonas zu schließen
– Stoppt jeden Versuch, die Bewohner des Lagers gewaltsam zu vertreiben
– Die Stadtverwaltung von Athen und das Ministerium für Migration und Asyl müssen sicherstellen
dass die Organisationen und Sozialarbeiter*innen, die im Lager tätig sind, weiter arbeiten können.
– Das Ministerium für Migration und Asyl muss allen Bewohner*innen des Lagers die finanziellen Leistungen zusichern,  wie es das Estia-Programm vorsieht.
– Das Ministerium für Migration und Asyl muss sicherstellen, dass Personen, die aus den
Flüchtlingslagern in den letzten Monaten in Wohnprojekte im Rahmen des Estia-Programms umverteilt wurden, nicht gezwungen werden ihre Wohnungen zu verlassen, bevor sie ihr Asylverfahren abgeschlossen haben.

Nach mehreren Gesprächen mit Vertreter*innen des Ministeriums für Migration und der Stadtverwaltung wird klar, das das Problem auf dieser Ebene nicht zu lösen ist und keine der Forderungen Gehör findet. Am 04.07. entschied die Stadtverwaltung endgültig die Schließung des Camps. Zuvor wurden bereits die Verträge der angestellten Sozialarbeiter*innen gekündigt, die von den Bewohner*innen als wichtige Unterstützungsstruktur und solidarischer Akteur wahrgenommen wurden. Wie genau die rechtliche und bürokratische Unterstützung nun weitergehen soll bleibt unklar. Einige der Sozialarbeiter*innen hatten sich auch aktiv an den Protesten beteiligt.

Doch im laufe des anhaltenden Protestes sind die Forderungen der Bewohner*innen gewachsen und grundlegender geworden. Es werden Papiere für alle gefordert, eine bessere Gesundheitsversorgung und Unterbringung in Wohnungen mit sicheren Bleibeperspektiven. Es ist ein Kampf gegen die Isolierung und Abschottung, ein Kampf dagegen verdrängt, unsichtbar und stumm gemacht zu werden.
Die deutlich sichtbare Kraft und Entschlossenheit der Menschen aus dem Camp blieb nicht unbeantwortet. Ca. eine Woche nachdem die Proteste starteten wurde Maria-Dimitra Nioutsikou als neue Camp Managerin eingesetzt, die zuvor das Camp in Samos geleitet hat und bereits mehrere Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen in ihrer Rolle als Campmangerin hat. (Dazu eine detailliertere Recherche unten). Ein Bewohner des Camps erzählt: “Sie hat alles gemacht um es den Leuten hier ungemütlich zu machen und sie zu verängstiegen.“ Das bedeutet zum Beispiel neu eingeführte strikte Einlasskontrollen auf der Grundlage von widersprüchlichen Bewohner*innenlisten, die sich täglich ändern. Das hat zur Folge, dass viele Menschen das Camp gerade nicht verlassen können, aus Sorge nicht mehr reingelassen zu werden. “Es ist wie ein Gefängnis, sie haben das Camp einfach in ein Gefängnis umgewandelt”, so eine Bewohnerin.
Dennoch hält die Ausdauer der Campbewohner*innen an. Für die kommende Woche werden weitere Proteste geplant
Für sie ist auch klar, das weiter politische Strategien entwickelt werden müssen um den Kampf um menschenwürdige Unterbringung, Bleibeperspektiven für alle und gegen die Verdrängung aus der Stadt weiterführen zu können.
An dieser Stelle ist es besonders wichtig die politischen Kämpfe gegen Gentrifizierung in Athen auch antirassistisch zu denken und die Bewegungen zu verbinden, denn nur so kann es möglich werden eine Gegenmacht aufzubauen, die die Zusammenhänge versteht und adressiert.
Es braucht die Solidarität von uns allen und den Willen den Kampf der Bewohner*innen von Eleaonas zu unterstützen wo wir können. Darüber hinaus ist es aber auch notwendig zu verstehen dass es auch ein Kampf gegen den Ausverkauf der Stadt ist, den wir gemeinsam führen müssen.

Residents fight against displacement from the city and the closure of Eleonas Camp

Tuesday 21 June 2022 is the first day on which about 100 residents of the camp protest against the announced closure. Determined and loud, they block the entrance. “We don’t do this for pleasure, we are smiling, because this is our way to survive, but it’s hard to live here,” says Niclette, one of the residents. They don’t want to leave Eleonas because it is the last camp in the city and does not yet have prison-like security. Here people can go to work, send their children to school, have better access to health care and participate in the social life of the city. Until recently, people could live in Eleonas without official registration, but this is not the case in other camps, which would mean that closure would result in immediate homelessness for some people.

Of course, according to the residents, life in this camp is also connected with countless difficulties. The conditions are far from acceptable (just one week before the start of the protests, for example, 6 shacks containing the belongings of about 50 people burnt down, which was partly due to a lack of fire protection and structural defects). Nevertheless, compared to the circumstances in the camps outside the city, it is still the lesser evil for most of the people there.

Niclette will later call on all people in and outside the camp to stop the bus transporting people from Eleonas to other camps at 6am the next day.

The reason for the closure is the planned construction of a new football stadium for the Athens club Panathinaikos. This construction is part of a gentrification plan that goes far beyond the construction of the new stadium. The whole area is to be upgraded, shopping malls are to be built among other things to make the place more attractive for tourists. Such gentrification processes are often accompanied by the displacement of migrant communities and areas which don’t fit into a commercialised, white and affluent cityscape. This is also the case here in Eleonas. Only a few hundred metres from the camp, there is a large (flea) market every Sunday where hundreds of migrant people, mainly from the Roma community, work; this market is also threatened by the planned redevelopment of the neighbourhood.

The residents have clearly formulated their demands:

– Stop all attempts to close Eleonas camp.

– Stop any attempt to forcibly evict the residents of the camp.

– The Municipality of Athens and the Ministry for Migration and Asylum must ensure

that the organisations and social workers working in the camp can continue to operate.

– The Ministry of Migration and Asylum must ensure that all residents of the camp receive the financial benefits provided for in the Estia programme.

– The Ministry of Migration and Asylum must ensure that persons who have been removed from 

refugee camps to housing projects under the Estia programme in recent months

are not forced to leave their homes before they have completed their asylum procedures.

After several discussions with representatives of the Ministry of Migration and the city administration, it became clear that the problem could not be solved through official procedure and that none of the demands would be heard. On 4 July, the municipality finally decided to close the camp. Before that, the contracts of the employed social workers, who were perceived by the residents as an important support structure, had already been terminated. It remains unclear how exactly the legal and bureaucratic support will continue. Some of the social workers had also actively participated in the protests.

But in the course of the ongoing protest, the demands of the residents have grown and become more fundamental. They are demanding papers for all, better health care and housing with safe prospects of staying. It is a struggle against isolation and closure, a struggle against being repressed, silenced, and invisibilised.

The clearly visible strength and determination of camp residents did not go unanswered. About a week after the protests started, Maria-Dimitra Nioutsikou was appointed as the new camp manager. She had previously run the camp in Samos and already has several allegations of human rights violations in her role as camp manager. (See more detailed research below). One resident of the camp says: “She has done everything she could to make people feel uncomfortable and scared”. This includes, for example, newly introduced strict entry controls based on conflicting resident lists that change daily. As a result, many people cannot leave the camp for fear of not being let back in. “Its like being in a prison, they transformed the camp to a prison right now,” said one resident.

Nevertheless, the perseverance of the camp residents continues. Further protests are planned for the coming week.

For them it is also clear that political strategies have to be developed in order to support the struggle for dignified housing, secure residency, and against displacement from the city.

At this point, it is especially important to think anti-racist about the political struggles against gentrification in Athens and to connect the movements, because only in this way can it be possible to build a counter-power that understands and addresses the connections.

This movement requires the solidarity of all of us and the will to support the struggle of the residents of Eleonas where we can. But beyond that, it is also necessary to understand that it is similarly a struggle against the sell-out of the city, which we have to lead together.

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